Keiner will ihn haben
Stellvertretend für alle schwer vermittelbaren Bullterrier: «Pacos» Geschichte

Die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Kampfhundeproblematik und das Erstellen von Rasselisten greifen inzwischen. Was bedeutet das für einen «Bulli»?
Es war vor fünf Wochen, als Peter Baumann vom Tierschutzressort der Stadtpolizei St. Gallen bei Edith Zellweger anrief. Sie hatte schon öfter Kontakt mit der Polizei, weil sie auch schon mal loszieht, um Tiere zu befreien, wenn ihre Anzeigen und Petitionen nicht fruchten. Dann rutscht die engagierte Tierschützerin mitunter in die Illegalität ab. Ausserdem wurde sie schon oft bedroht und am Ende zusammengeschla­gen und lebensgefährlich verletzt. Diesmal jedoch nahm die Polizei mit ihr Kontakt auf, weil dringend ein Hund zu platzieren war. Das Problem: «Paco» ist ein Bullterrier. Kein Tierschutzverein, kein Tie­heim nimmt ein so schwer vermittelbares Tier auf. Also landete der Hund bei der «Aktiven Tierschutzgruppe Salez» (ATS) respektive bei Edith Zellweger. Sie lies ihn zunächst kastrieren und impfen und besucht mit ihm die Hundeschule von Heini Beck in Trübbach, wo er inzwischen schon die wichtigsten Befehle zu beherrschen gelernt hat. Im Alter von drei Wochen wurde der Welpe vor zwei Jahren seiner Mutter entzogen und von Serbien in die Schweiz geschmuggelt. Der damals 18-jährige Halter legte ihm ein Nietenhalsband an
und lief mit ihm in der Stadt spazieren.

Edith Zellweger demonstriert, dass man «Paco» sogar das Futter aus dem Maul nehmen kann.

Vorzugsweise besuchte er Schulhöfe und Spielplätze, um dort zu provozieren. Das gelang, obwohl «Paco» nie zum Kampfhund abgerichtet wurde. Doch, ob sanftmütig oder nicht, das sieht man einem solchen Tier ja nicht an, allein das Auftreten von Herrchen und Hund mit den entsprechenden Accessoires am Körper flösst Angst ein.
Auf dem Sofa verwöhnt
Der junge Serbe verlor auch bald das Interesse an diesen «Spaziergängen » und überliess «Paco» seiner Mutter, die alles daran setzte, den Hund zu verwöhnen. Sein Platz war fortan auf der Couch, nach draussen kam er nur noch selten. Stattdessen gab es immer feine Leckerli. Die haben ihre Spuren hinterlassen. Auf Druck der St. Galler Stadtpolizei gab sie den Hund schliesslich freiwillig ab. Ein zur Bewegungslosigkeit verdammter Bullterrier könnte mitunter auch aggressiv reagieren. Das sollte rechtzeitig verhindert werden. «Drei Kilo muss er verlieren», sagt Edith Zellweger, «ich gehe oft mit ihm joggen.» Und so konnte er in kurzer Zeit seine Kondition erheblich verbessern. Wenn er um Aufmerksamkeit bettelt, vermisst man diesen typischen Hundeblick, den Dackel und Co. so perfekt beherrschen. Selbst freundlich gesinnt sieht ein solcher Hund noch bedrohlich aus. Doch nach kurzer Zeit kann man ihn wirklich mögen. Er fasst schnell Vertrauen und Edith Zellweger zeigt, dass er nicht mal dann aggressiv reagiert, wenn sie ihm seine Belohnung wieder aus dem Maul nimmt.
Todesstrafe!?

Sie hofft, ihn an verantwortungsvolle Menschen vermitteln zu können. «Katzen und andere Rüden mag er nicht, mit Hündinnen versteht er sich gut.» Aber was passiert, wenn keiner ihn will? «In manchen Tierheimen schläfert man diese Tiere ein», erklärt Edith Zellweger. «Ich bin unbedingt für ein Zuchtverbot dieser Hunde. Die Ablehnung gegen diese und andere Rassen ist so gross, dass es unverantwortlich wäre, sie weiterhin zu züchten. Und sie müssen kastriert werden. Tiere wie «Paco» kurzerhand zu töten, löst das Problem nicht. Er hat sich in seinem kurzen Leben nichts zuschulden kommen lassen, ausser dass er der falschen Rasse angehört.»
Leidensgenosse

Das Schaaner Tierheim hat «Paco» inzwischen als Pensionshund aufgenommen, mehr Entgegenkommen ging nicht, denn dort wartet bereits seit langem der American Staffordshire Terrier «Spike» auf seine Vermittlung. Auch er ist wie «Paco» gechipt, geimpft und kastriert.

Kontakt: Tierschutzverein Liechtenstein Im Rietacker 24, 9494 Schaan Telefon: +423 232 60 02 Aktive Tierschutzgruppe Salez Edith Zellweger Schlossfeldstrasse 4, 9465 Salez Telefon: 081 757 19 89 www.ats-schweizertierschutz.ch

«Paco» ist zwei Jahre alt, lieb, unverdorben und etwas ungestüm; er braucht viel Bewegung.

«Spike» ist einjährig, anhänglich, gelehrig und hat grossen Bewegungsdrang.